Historismus Kunst: Die Epoche, die Geschichte zur Kunst machte

Ella Gotthardt
Ella Gotthardt
KÜNSTLER

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Historismus Kunst – Epoche, Merkmale & bedeutende Werke erklärt

Historismus Kunst: Die Epoche, die Geschichte zur Kunst machte

Wer sich ernsthaft mit der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigt, kommt um den Historismus nicht herum. Diese Epoche ist polarisierend, vielschichtig und wird bis heute unterschätzt – manchmal sogar belächelt. Dabei steckt in der Historismus Kunst eine unglaubliche Energie: das Streben nach Größe, nach Bedeutung, nach dem Besten aus allen Zeitepochen zugleich. Als Kunstexpertin finde ich genau das so faszinierend an dieser Stilrichtung. Sie ist kein bloßes Kopieren der Vergangenheit, sondern ein selbstbewusstes Neuerfinden historischer Formen für eine moderne Welt.

In diesem Artikel erkläre ich dir, was Historismus Kunst ausmacht, welche Strömungen es gibt, welche Künstler und Bauwerke die Epoche prägten – und warum es sich lohnt, diese oft verkannte Kunstepochen mit frischen Augen zu betrachten.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Zeitraum: Ca. 1850 bis 1900, mit Vorläufern ab 1820 und Ausläufern bis ins frühe 20. Jahrhundert
  • Kernidee: Rückgriff auf historische Stile – Gotik, Renaissance, Barock, Antike – als Vorbild für neue Kunstwerke und Architektur
  • Hauptbereiche: Architektur, Malerei, Kunstgewerbe, Innenausstattung, Skulptur
  • Wichtige Strömungen: Neugotik, Neorenaissance, Neobarock, Neuklassizismus, Neuromanik
  • Bedeutende Künstler: Karl Friedrich Schinkel, Gottfried Semper, Hans Makart, Adolph Menzel
  • Nachfolger: Der Historismus wurde durch den Jugendstil und später die Moderne abgelöst
  • Besonderheit: Keine rein deutsche Erscheinung – der Historismus war ein gesamteuropäisches Phänomen

Was ist Historismus Kunst? Eine Definition

Der Begriff Historismus beschreibt in der Kunst und Architektur eine Haltung, bei der vergangene Stilepochen bewusst als Vorbilder gewählt, zitiert und neu interpretiert werden. Das klingt zunächst nach schlichter Imitation – ist es aber nicht. Historismus ist eine kreative Auseinandersetzung mit der Geschichte. Künstler und Architekten des 19. Jahrhunderts wählten gezielt einzelne Elemente aus der Gotik, der Antike, der Renaissance oder dem Barock und setzten sie in einen neuen Kontext.

Der Begriff selbst leitet sich vom griechischen Wort „historia“ (Geschichte, Wissen) ab. In der Philosophie bezeichnet Historismus die Auffassung, dass alle kulturellen Erscheinungen historisch bedingt sind. In der Kunstgeschichte ist Historismus der Oberbegriff für all jene Strömungen des 19. Jahrhunderts, die sich auf ältere Stile beziehen – unabhängig davon, welche Epoche jeweils als Vorbild dient.

Wichtig: Historismus ist kein einheitlicher Stil. Er ist ein Prinzip, eine Methode. Die konkrete Erscheinungsform hängt davon ab, welche historische Epoche gerade als Referenz dient.

Die historischen Hintergründe: Warum entstand der Historismus?

Man versteht Historismus Kunst nur dann wirklich, wenn man den gesellschaftlichen und politischen Kontext des 19. Jahrhunderts kennt. Europa befand sich im Umbruch: Industrialisierung, Nationalstaatsbildung, Revolution und tiefgreifende soziale Veränderungen prägten das Jahrhundert. Das Bürgertum erstarkte, wollte sich repräsentieren – und suchte nach Identität.

Die Antwort? Die Geschichte. Historische Stile boten Legitimität, Tiefe und symbolische Kraft. Wer ein Rathaus im gotischen Stil baute, verortete sich in einer ehrwürdigen Tradition bürgerlicher Selbstverwaltung. Wer eine Kirche neugotisch ausstattete, knüpfte an das goldene Zeitalter christlicher Architektur an. Und wer seine Privatvilla im Renaissancestil errichtete, zeigte sich als kultivierter Humanist.

Dazu kam die Romantik als geistiger Vorläufer: die Begeisterung für das Mittelalter, für Ruinen und vergangene Größe. Die Romantiker hatten die emotionale Aufladung historischer Formen vorbereitet – der Historismus machte daraus ein künstlerisches und architektonisches Programm.

Die wichtigsten Strömungen der Historismus Kunst

Neugotik

Die Neugotik (auch Neogotik oder Gothic Revival) ist wohl die bekannteste Strömung des Historismus. Sie orientiert sich an der mittelalterlichen Gotik – mit spitzen Bögen, Maßwerk, Fialen und Strebewerk. In England hatte die Neugotik mit Augustes Pugins Arbeiten und dem Palace of Westminster früh Fahrt aufgenommen. In Deutschland wurde der Kölner Dom zu einem Symbolprojekt: 1248 begonnen, wurde er erst 1880 fertiggestellt – als triumphales Zeichen der nationalen Einheit und des gotischen Erbes.

Neugotische Kirchen, Rathäuser und Schlösser prägten das Stadtbild zahlloser europäischer Städte. In der Malerei spiegelte sich die Neugotik in romantisch-religiösen Bildern und der Vorliebe für mittelalterliche Szenen wider.

Neorenaissance

Die Neorenaissance griff auf die Formensprache der italienischen und deutschen Renaissance zurück: symmetrische Fassaden, Rundbogenfenster, Pilaster, Rustika-Mauerwerk. Gottfried Semper, einer der einflussreichsten Architekten des 19. Jahrhunderts, arbeitete intensiv im Neorenaissance-Stil. Die Semperoper in Dresden ist sein bekanntestes Werk – und bis heute ein Meisterwerk der europäischen Opernarchitektur.

In der Malerei zeigte sich die Neorenaissance unter anderem bei Hans Makart, dem „Zauberer von Wien“, der großformatige Historienbilder mit sinnlicher Pracht und theatralischer Wirkung schuf.

Neobarock

Der Neobarock orientierte sich an der Opulenz und Dynamik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Besonders in Prachtbauten und Repräsentationsarchitektur kam dieser Stil zum Einsatz. Die Wiener Oper, das Pariser Opernhaus (Palais Garnier) von Charles Garnier oder das Berliner Dom zeigen, wie eindrucksvoll neobarocke Gestaltung wirken kann.

Neuklassizismus und Neuromanik

Der Neuklassizismus knüpfte an die griechische und römische Antike an, während die Neuromanik Bezug auf die Romanik des Mittelalters nahm. Karl Friedrich Schinkel, einer der bedeutendsten deutschen Architekten überhaupt, arbeitete in beiden Stilen. Das Alte Museum in Berlin und die Neue Wache sind herausragende Beispiele seines neuklassizistischen Schaffens.

Historismus in der Malerei

Die Historismus Malerei ist ein weites Feld – und sie wird meiner Meinung nach in der kunsthistorischen Diskussion noch immer nicht angemessen gewürdigt. Historienmalerei, also die Darstellung großer historischer oder mythologischer Szenen, hatte im 19. Jahrhundert höchstes Ansehen. Sie war keine dekorative Spielerei, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Geschichte, Moral und nationaler Identität.

Adolph Menzel gilt als einer der vielseitigsten deutschen Maler des 19. Jahrhunderts. Seine Darstellung des Lebens Friedrichs des Großen verband historische Genauigkeit mit atmosphärischer Dichte. Wilhelm von Kaulbach schuf monumentale Historiengemälde für öffentliche Gebäude. Anselm Feuerbach orientierte sich an der klassischen Antike und der italienischen Renaissance.

Was all diese Künstler verbindet: Sie nutzten historische Themen und Formensprachen nicht als Flucht aus der Gegenwart, sondern als Mittel, um über die Gegenwart nachzudenken.

Historismus in der Architektur – Bauten die Geschichte erzählen

Die Historismus Architektur ist wohl der sichtbarste und nachhaltigste Ausdruck dieser Epoche. Ganze Stadtviertel wurden im historistischen Stil geprägt – allen voran die Wiener Ringstraße, die Kaiser Franz Joseph I. ab 1857 anlegen ließ. Hier reihten sich neoklassizistisches Parlament, neugotisches Rathaus, neobarockes Burgtheater und neorenaissance’sches Kunsthistorisches Museum aneinander – eine gebaute Enzyklopädie historischer Stile.

Ähnliches geschah in vielen europäischen Metropolen: in Berlin, München, Budapest, Paris, Brüssel. Das Historismus-Prinzip ermöglichte eine symbolische Aufladung von Gebäuden durch die Wahl des passenden historischen Vorbilds. Eine Universität im Renaissancestil suggerierte Humanismus und Gelehrsamkeit. Ein Gericht in antikisierender

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