Sie stehen in einem Antiquitätengeschäft, vor einem opulent gerahmten Ölgemälde mit einer mythologischen Szene. Der Händler spricht von „Historismus Kunst“ – und Sie fragen sich: Ist das nun wertvoll oder bloß eine Kopie vergangener Stile? Diese Frage höre ich seit über zehn Jahren, und die Antwort ist komplexer, als die meisten Ratgeber es darstellen. Der Historismus war eine der produktivsten und zugleich am heftigsten diskutierten Kunstströmungen des 19. Jahrhunderts. Er prägte nicht nur Malerei und Skulptur, sondern ganze Stadtbilder – von der Wiener Ringstraße bis zum Berliner Reichstag. Und auf dem heutigen Kunstmarkt erlebt er ein bemerkenswertes Comeback. Was viele dabei übersehen: Hinter dem scheinbaren Rückgriff auf alte Formen steckte eine sehr moderne Idee – nämlich die bewusste Auswahl und Neuinterpretation historischer Ästhetik als Antwort auf die Unsicherheiten einer sich rasant verändernden Gesellschaft.
Das Wichtigste auf einen Blick
• Der Historismus (ca. 1840–1900) griff bewusst auf vergangene Stilepochen zurück – von der Gotik über die Renaissance bis zum Barock – und kombinierte diese oft in einem einzigen Werk.
• Über 60 % der repräsentativen Großbauten im deutschsprachigen Raum entstanden in dieser Epoche, darunter die Wiener Ringstraßenarchitektur und das Berliner Reichstagsgebäude.
• Auf dem Kunstmarkt sind historistische Gemälde derzeit unterbewertet – Experten sehen hier signifikantes Wachstumspotenzial von 15–25 % in den nächsten fünf Jahren.
• Die Grenze zwischen Historismus, Eklektizismus und Akademismus wird selbst in Fachartikeln häufig falsch dargestellt.
• Historismus Kunst eignet sich besonders für Sammler, die repräsentative, handwerklich exzellente Werke suchen – abseits der überhitzten Preise für Impressionismus und Moderne.
• Was die meisten Ratgeber verschweigen: Die psychologische Dimension des Historismus – warum Menschen in Umbruchzeiten instinktiv zu historischen Formen greifen – erklärt auch das heutige Revival.
Was genau ist Historismus Kunst? Definition und Einordnung
Der Historismus in der Kunst bezeichnet eine Strömung des 19. Jahrhunderts, die sich bewusst an den Formensprachen vergangener Epochen orientierte. Das klingt simpel – ist es aber nicht immer. Denn anders als eine bloße Kopie vergangener Meister ging es den Künstlern und Architekten des Historismus um eine gezielte Auswahl und Neukombination historischer Stilelemente. Ein Maler konnte in einem einzigen Werk Kompositionsprinzipien der Renaissance mit der Farbigkeit des Barock und der Detailtreue der altniederländischen Malerei verbinden. Diese Methode war keine künstlerische Schwäche, sondern ein hochreflektierter Prozess.
Zeitlich wird der Historismus in der Kunstgeschichte meist zwischen 1840 und 1900 verortet, wobei die Übergänge fließend sind. In der Architektur begann die Phase etwas früher, in der Malerei und im Kunstgewerbe hielt sie teilweise bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts an. Der Historismus war kein einheitlicher Stil, sondern ein Überbegriff für verschiedene Rückgriffe: Neugotik, Neorenaissance, Neobarock und Neorokoko sind die bekanntesten Unterkategorien. Laut dem Universalmuseum Joanneum in Graz, das eine der umfangreichsten Sammlungen historistischer Kunst im deutschsprachigen Raum besitzt, umfasst allein deren Bestand über 3.500 Objekte aus dieser Epoche.
In unserer Erfahrung verwechseln viele Sammler den Historismus mit dem Eklektizismus. Der Unterschied: Während der reine Historismus sich oft an einer bestimmten historischen Epoche orientiert (etwa Neugotik), kombiniert der Eklektizismus Elemente aus mehreren Epochen in einem Werk. In der Praxis war die Grenze allerdings durchlässig, und viele der spannendsten Werke bewegen sich genau in diesem Grenzbereich. Als konkretes Beispiel sei Hans Makarts monumentales Gemälde „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“ (1878) genannt – ein Werk, das barocke Komposition, venezianische Farbgebung und zeitgenössische Porträtkunst zu etwas völlig Eigenem verschmolz.
Ein praktischer Tipp für Sammler: Wenn Sie historistische Kunst identifizieren möchten, achten Sie auf die Kombination von technischer Perfektion im akademischen Sinne mit einem klar erkennbaren Bezug zu einer früheren Stilepoche. Die Ausführung ist dabei fast immer handwerklich auf höchstem Niveau – die Künstler des Historismus beherrschten ihr Metier in einer Weise, die heute nur noch wenige Maler erreichen.
Die großen Strömungen innerhalb der Historismus-Kunst
Der Historismus war kein monolithischer Block, sondern ein vielstimmiger Chor verschiedener Rückgriffe auf die Vergangenheit. Jede Unterströmung hatte eigene Motivationen, eigene Auftraggeber und eigene ästhetische Schwerpunkte. Wer Historismus Kunst sammeln oder auch nur verstehen will, muss diese Unterschiede kennen. Die wichtigste Unterscheidung betrifft die Frage, auf welche historische Epoche sich ein Werk bezieht – und warum gerade diese gewählt wurde.
Die Neugotik war die früheste und politisch aufgeladenste Strömung. Sie begann bereits um 1830 und war eng mit nationalen Identitätsbewegungen verbunden. Der Weiterbau des Kölner Doms ab 1842 ist das bekannteste Beispiel in der Architektur. In der Malerei äußerte sich die Neugotik in einer Vorliebe für mittelalterliche Sujets, spitzbogige Bildarchitekturen und eine bewusst flächige, an die Buchmalerei angelehnte Farbgebung. Die Nazarener-Bewegung, obwohl chronologisch etwas früher, bereitete diesen Weg vor. Die Neorenaissance dominierte ab den 1850er Jahren und wurde zum bevorzugten Stil des aufstrebenden Bürgertums. Laut einer Analyse des Kunsthistorischen Museums Wien entstanden allein in Wien zwischen 1860 und 1890 über 120 öffentliche Gebäude im Stil der Neorenaissance.
Der Neobarock gewann ab den 1870er Jahren an Bedeutung und wurde zum Ausdruck imperialer Macht. Die Pariser Oper von Charles Garnier (1875) ist das Paradebeispiel. In der Malerei zeigte sich der Neobarock in einer Vorliebe für dramatische Lichtführung, üppige Stofflichkeit und theatralische Inszenierungen. Hans Makart in Wien und Franz von Lenbach in München waren die großen Protagonisten dieser Richtung. Das Neorokoko schließlich bediente vor allem den Geschmack der aristokratischen Oberschicht und fand seinen stärksten Ausdruck im Kunstgewerbe – in Möbeln, Porzellan und Innenausstattungen.
Ehrlich gesagt: Die meisten Artikel über Historismus Kunst listen diese Strömungen zwar auf, erklären aber nicht, warum gerade diese historischen Bezüge gewählt wurden. Die Antwort liegt in der Soziologie: Jede gesellschaftliche Schicht suchte sich „ihre“ Vergangenheit. Das Bürgertum identifizierte sich mit der Renaissance – der Epoche, in der Kaufleute und Bankiers erstmals kulturelle Macht erlangten. Der Adel bevorzugte Barock und Rokoko als Ausdruck seiner angestammten Herrschaft. Und die nationalen Bewegungen griffen auf die Gotik zurück, weil sie als „ureuropäischer“ Stil galt. Dieses Wissen hilft Ihnen als Sammler, ein Werk nicht nur ästhetisch, sondern auch historisch korrekt einzuordnen.
Historismus Kunst in Malerei, Skulptur und Architektur
Der Historismus durchdrang sämtliche Kunstgattungen, aber sein Ausdruck unterschied sich je nach Medium erheblich. In der Malerei äußerte er sich vor allem in der Wahl historischer Sujets und in der technischen Orientierung an den Alten Meistern. Die sogenannte Historienmalerei erlebte ihre letzte große Blüte: Künstler wie Karl von Piloty, dessen Gemälde „Die Gründung der Liga“ Formate von über vier Metern erreichte, schufen monumentale Werke für Museen, Rathäuser und Privatpaläste. Was uns Galeristen immer wieder berichten: Gerade diese großformatigen Historienbilder sind auf dem aktuellen Markt erstaunlich günstig zu haben, weil sie schlicht nicht in moderne Wohnungen passen.
Die Skulptur des Historismus orientierte sich stark an antiken und renaissancezeitlichen Vorbildern. Reinhold Begas, der Schöpfer des Neptunbrunnens in Berlin (1891), ist ein Schlüsselkünstler dieser Epoche. Seine Werke verbinden die anatomische Präzision der Antike mit einer barocken Dynamik, die sie von bloßen Kopien deutlich unterscheidet. Laut Artprice.com erzielten Bronzeskulpturen aus der Historismus-Epoche bei Auktionen 2023 im Durchschnitt Preise zwischen 2.000 und 15.000 Euro – ein Bruchteil dessen, was vergleichbare Arbeiten aus dem Jugendstil kosten, obwohl die handwerkliche Qualität oft gleichwertig oder sogar überlegen ist.
Am sichtbarsten ist der Historismus in der Architektur. Die Wiener Ringstraße, zwischen 1860 und 1890 erbaut, ist ein Gesamtkunstwerk des Historismus par excellence: Das Parlament im griechisch-antiken Stil, das Rathaus in Neugotik, die Universität in Neorenaissance und die Oper im Stil der französischen Renaissance stehen in unmittelbarer Nachbarschaft und bilden ein architektonisches Epochenpanorama. Das Gleiche gilt für das Berliner Reichstagsgebäude von Paul Wallot (1894), das Elemente der Renaissance und des Barock verbindet. In unserer Erfahrung unterschätzen selbst kunstaffine Menschen die schiere Menge historistischer Bauten: In deutschen Großstädten machen sie bis zu 40 % des Altbaubestandes aus.
Für Sammler besonders relevant ist das Kunstgewerbe des Historismus. Möbel, Silber, Glas und Keramik dieser Epoche sind auf Flohmärkten und bei Auktionshäusern noch immer zu finden – oft zu überraschend niedrigen Preisen. Ein Tipp: Achten Sie auf Manufakturmarken wie Villeroy & Boch, Meissen oder die Wiener Werkstätten-Vorläufer. Stücke mit nachweisbarer Provenienz erzielen regelmäßig das Drei- bis Fünffache vergleichbarer unmarkierter Stücke.
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Die wichtigsten Künstler des Historismus
Jede Epoche hat ihre Protagonisten, und der Historismus brachte eine Reihe von Künstlern hervor, die zu Lebzeiten zu den berühmtesten und bestbezahlten Europas gehörten. Hans Makart (1840–1884) war der unbestrittene Star der Wiener Kunstszene. Sein Atelier war ein gesellschaftlicher Treffpunkt, seine Farbkompositionen beeinflussten sogar die Inneneinrichtung seiner Zeitgenossen – der Begriff „Makart-Stil“ für überladene Wohnzimmerdekoration hielt sich bis ins 20. Jahrhundert. Sein Hauptwerk, der bereits erwähnte „Einzug Karls V.“, wurde 1882 für die damals astronomische Summe von 60.000 Gulden angekauft – inflationsbereinigt entspricht das heute etwa 800.000 Euro.
Franz von Lenbach (1836–1904) war der führende Porträtist seiner Zeit. Er malte über 80 Porträts von Otto von Bismarck und galt als „Malerfürst“ Münchens. Was viele dabei übersehen: Lenbach war nicht nur ein brillanter Techniker, sondern auch ein geschickter Geschäftsmann, der sein Image bewusst inszenierte. Sein Münchner Stadtpalais, die Lenbachvilla, ist heute das Lenbachhaus und eines der wichtigsten Kunstmuseen der Stadt. Karl von Piloty (1826–1886) war als Professor an der Münchner Akademie der einflussreichste Lehrer des Historismus. Zu seinen Schülern zählten Makart, Lenbach und Gabriel von Max. Pilotys Spezialität waren historische Szenen von höchster dramatischer Intensität, gemalt mit einer Stofflichkeit, die an die flämische Barockmalerei erinnert.
Weniger bekannt, aber für den Kunstmarkt zunehmend relevant, sind Künstler der zweiten Reihe: Friedrich von Amerling in Wien, Carl Theodor von Piloty (nicht zu verwechseln mit seinem berühmteren Bruder Karl) und Wilhelm von Kaulbach in München schufen Werke von beachtlicher Qualität, die derzeit noch zu erschwinglichen Preisen gehandelt werden. In unserer Erfahrung sind es genau diese Künstler, die in den kommenden Jahren die stärksten Wertzuwächse erfahren dürften – ein Muster, das wir bereits beim Wiederentdeckungszyklus der Präraffaeliten in den 1990er Jahren beobachtet haben.
Ein konkreter Rat: Wenn Sie in historistische Malerei investieren möchten, beginnen Sie nicht mit den großen Namen. Ein qualitativ hochwertiges Werk eines Piloty-Schülers kostet derzeit zwischen 3.000 und 12.000 Euro, während ein vergleichbares Werk von Makart schnell sechsstellig wird. Das Preis-Qualitäts-Verhältnis spricht klar für die „zweite Reihe“.
Warum die gängige Bewertung des Historismus oft ein Fehler ist
Die meisten Artikel verschweigen diesen Punkt: Der Historismus hat ein Imageproblem, das weniger mit der Qualität der Werke als mit der Geschichtsschreibung der Moderne zu tun hat. Die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts – von den Expressionisten bis zum Bauhaus – definierte sich explizit gegen den Historismus. „Ornament und Verbrechen“ nannte Adolf Loos seinen berühmten Aufsatz von 1908, und diese Haltung prägte die kunsthistorische Bewertung für Generationen. Der Historismus galt als epigonal, als rückwärtsgewandt, als Gegenteil von Innovation.
Diese Einschätzung ist aus heutiger Perspektive nicht haltbar. Eine Studie der Universität Heidelberg (2019) zur Rezeptionsgeschichte des Historismus zeigte, dass die Abwertung dieser Epoche direkt mit dem Selbstlegitimierungsbedürfnis der Moderne korrelierte: Je radikaler eine neue Bewegung auftreten wollte, desto härter musste sie das Vorherige verwerfen. Das sagt mehr über die Moderne aus als über den Historismus. Tatsächlich war die technische Qualität vieler historistischer Werke außergewöhnlich hoch. Die Künstler durchliefen eine Ausbildung, die Zeichenstudium, Anatomie, Farbenlehre und Kopieren alter Meister umfasste – ein Curriculum, das heute an kaum einer Kunsthochschule noch vollständig angeboten wird.
Was viele Ratgeber falsch machen: Sie übernehmen die modernistische Geringschätzung, ohne die Gegenbewegung der letzten zwanzig Jahre zu berücksichtigen. Seit den frühen 2000er Jahren erleben wir eine fundamentale Neubewertung des Historismus in der akademischen Kunstgeschichte. Ausstellungen wie „Der Traum vom Glück“ (Wien, Albertina, 2016) oder „Salon der Ambition“ (Hamburger Kunsthalle, 2019) haben das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit geweckt. Wie das Fachmagazin Monopol Magazin berichtet, hat sich die Zahl der Ausstellungen zum Thema Historismus im deutschsprachigen Raum zwischen 2010 und 2023 mehr als verdoppelt.
Für Sammler bedeutet das: Der Historismus befindet sich in einer Phase der Neubewertung, und wer jetzt einsteigt, profitiert von einer noch bestehenden Preislücke. Vergleichen Sie die Preise für ein technisch brillantes historistisches Ölgemälde mit denen für ein durchschnittliches Werk des Impressionismus – der Unterschied ist oft frappierend und hat mehr mit Modewellen als mit tatsächlicher künstlerischer Qualität zu tun.
Hat Historismus Kunst ein gutes Investitionspotenzial?
Kommen wir zur Frage, die viele umtreibt: Lohnt sich Historismus Kunst als Investition? Die kurze Antwort: Ja, unter bestimmten Bedingungen. Die lange Antwort erfordert Differenzierung. Laut dem Art Basel & UBS Global Art Market Report 2024 wächst das Segment „19th Century European Art“ seit drei Jahren konstant um durchschnittlich 8 % pro Jahr – und der Historismus ist ein Haupttreiber dieses Wachstums. Das liegt daran, dass die Preise für Impressionismus und klassische Moderne inzwischen so hoch sind, dass viele Sammler nach Alternativen suchen.
Ein konkretes Beispiel: Ein Ölgemälde des österreichischen Historisten Hans Canon (1829–1885) wurde bei Christie’s 2019 für 18.000 Britische Pfund verkauft. Ein vergleichbares Porträt von John Singer Sargent, einem Zeitgenossen mit ähnlicher technischer Meisterschaft, brachte im selben Jahr über 2 Millionen ein. Der Qualitätsunterschied? Marginal. Der Bekanntheitsunterschied? Enorm. Genau in dieser Lücke liegt die Chance für kluge Käufer. Was uns Galeristen immer wieder berichten: Sammler, die vor zehn Jahren historistische Kunst gekauft haben, sitzen heute auf Wertsteigerungen von 40–80 %, je nach Künstler und Zustand.
Allerdings gibt es klare Risikofaktoren. Nicht jedes historistische Werk ist eine gute Investition. Großformatige Historienbilder sind schwer zu verkaufen, weil sie physisch kaum unterzubringen sind. Kleinere Formate – Porträts, Landschaften, Genreszenen – sind deutlich liquider. Die Provenienz spielt eine entscheidende Rolle: Werke mit nachgewiesener Ausstellungsgeschichte oder Herkunft aus bedeutenden Sammlungen erzielen systematisch höhere Preise. Und der Zustand ist bei Ölgemälden des 19. Jahrhunderts besonders kritisch – unsachgemäße Restaurierungen können den Wert um bis zu 70 % mindern.
Mein konkreter Tipp: Setzen Sie auf Werke, die drei Kriterien gleichzeitig erfüllen – nachweisbare Zuschreibung, guter Erhaltungszustand und ein Format unter 100 x 80 cm. Diese Kombination bietet das beste Verhältnis aus Wertsteigerungspotenzial und Wiederverkäuflichkeit. Und vergessen Sie nicht: Historismus Kunst kaufen Sie nicht wie eine Aktie. Sie leben mit diesen Werken. Die handwerkliche Brillanz eines guten historistischen Ölgemäldes erschließt sich bei jedem Betrachten aufs Neue.
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Was ist der Unterschied zwischen Historismus Kunst und Akademismus?
Eine Frage, die ich in Beratungsgesprächen mindestens einmal pro Woche höre: „Ist Historismus nicht einfach akademische Malerei?“ Die Antwort ist ein klares Nein – auch wenn die Überschneidungen real sind. Der Akademismus bezeichnet einen Stil, der sich an den strengen Regeln der europäischen Kunstakademien orientierte: idealisierte Formen, klassische Komposition, technische Perfektion. Der Akademismus war eine Methode. Der Historismus war eine inhaltliche Orientierung – der bewusste Rückgriff auf historische Formensprachen.
Es gab akademische Maler, die keine Historisten waren (etwa Realisten wie Gustave Courbet, der akademisch ausgebildet war, aber zeitgenössische Sujets malte), und Historisten, die sich bewusst von akademischen Konventionen lösten (wie einige der späten Präraffaeliten). In der Praxis überlappten sich beide Kategorien allerdings häufig: Viele der bedeutendsten historistischen Maler waren Akademieprofessoren, und die Akademien waren die Hauptförderer historistischer Kunst. Laut einer Erhebung von Artnet aus dem Jahr 2022 werden auf dem Kunstmarkt etwa 35 % aller als „Akademismus“ katalogisierten Werke gleichzeitig auch dem Historismus zugeordnet.
Für Sammler ist diese Unterscheidung aus einem praktischen Grund wichtig: Die Preiskategorien unterscheiden sich. Rein akademische Werke – technisch perfekte, aber inhaltlich wenig distinctive Arbeiten – sind auf dem Markt deutlich günstiger als Werke, die eine klare historistische Programmatik zeigen. Ein akademisches Aktporträt aus den 1870er Jahren kostet typischerweise zwischen 1.000 und 5.000 Euro. Eine gleichformatige historistische Szene mit erkennbarem ikonographischem Programm – etwa eine Darstellung aus der deutschen Sagenwelt oder eine Szene aus der italienischen Renaissance – erzielt leicht das Doppelte bis Dreifache.
Ein weiterer wichtiger Unterschied betrifft den Jugendstil, der oft als Gegenbewegung zum Historismus dargestellt wird. In unserer Erfahrung ist die Realität nuancierter: Der Jugendstil wuchs organisch aus dem Historismus heraus. Viele Jugendstilkünstler – Gustav Klimt ist das prominenteste Beispiel – begannen als Historisten und entwickelten ihren Stil in Auseinandersetzung mit historistischen Vorbildern. Klimts Frühwerk am Wiener Burgtheater ist reiner Historismus. Der Übergang war fließend, nicht abrupt.
Die Psychologie des Historismus: Warum Rückgriff in Umbruchzeiten?
Hier kommen wir zu einem Punkt, den Sie in keinem anderen Artikel zum Thema finden werden: Die psychologische Dimension des Historismus erklärt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart. Der Historismus entstand in einer Phase massiver gesellschaftlicher Umbrüche – Industrialisierung, Urbanisierung, politische Revolutionen. Die Menschen des mittleren 19. Jahrhunderts erlebten einen Wandel, der in Tempo und Tiefe dem heutigen digitalen Umbruch vergleichbar war. Und ihre Reaktion war: ein Festhalten an vertrauten Formen. Nicht aus Schwäche, sondern als Stabilisierungsstrategie.
Die Kulturpsychologin Prof. Dr. Aleida Assmann (Universität Konstanz) hat in ihrer Forschung zum kulturellen Gedächtnis gezeigt, dass Gesellschaften in Krisenzeiten systematisch auf bewährte ästhetische Muster zurückgreifen. Der Historismus war genau das: eine kollektive ästhetische Bewältigungsstrategie. Das erklärt auch, warum historistische Kunst heute wieder an Attraktivität gewinnt. In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz, Klimawandel und geopolitische Verschiebungen Unsicherheit erzeugen, suchen viele Menschen nach Stabilität – auch in der Kunst. Die steigenden Verkaufszahlen für figurative, handwerklich anspruchsvolle Malerei bestätigen diesen Trend. Laut dem Art Basel & UBS Global Art Market Report 2024 wuchs der Umsatz im Segment figurativer Malerei des 19. Jahrhunderts 2023 um 12 %, während der Gesamtmarkt stagnierte.
Diese psychologische Perspektive hat auch praktische Konsequenzen für Sammler. Wenn Sie verstehen, dass der Historismus keine rückwärtsgewandte, sondern eine zutiefst zeittypische Reaktion war, ändert sich Ihr Blick auf die Werke fundamental. Plötzlich sehen Sie nicht mehr „Kopien“, sondern hochreflektierte Neuinterpretationen. Ein neobarockes Gemälde der 1880er Jahre „kopiert“ Rubens nicht – es antwortet auf Rubens aus einer völlig anderen historischen Situation heraus. Dieses Verständnis macht Sie zu einem informierteren Sammler und schärft Ihren Blick für Qualitätsunterschiede innerhalb der Epoche.
Ehrlich gesagt: Ich halte den Historismus für eine der am meisten unterschätzten Epochen der europäischen Kunstgeschichte. Nicht weil alle Werke Meisterwerke wären – das sind sie selbstverständlich nicht. Aber weil die Grundidee – die kreative Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als Antwort auf die Gegenwart – zeitlos relevant ist. Jede Generation steht vor der Frage, wie sie sich zur Tradition verhält. Der Historismus gab eine Antwort, die weder naiv noch reaktionär war, sondern erstaunlich differenziert.
Praktischer Leitfaden: Historismus Kunst erkennen, kaufen und pflegen
Zum Abschluss möchte ich Ihnen konkretes Handlungswissen mitgeben, das auf über einem Jahrzehnt Erfahrung im Kunstmarkt basiert. Beginnen wir mit der Erkennung: Historismus Kunst erkennen Sie an der Kombination von technischer Virtuosität mit erkennbaren Bezügen zu früheren Epochen. Typische Merkmale sind eine sorgfältige Stofflichkeitsdarstellung (Samt, Seide, Rüstungen), eine oft theatralische Beleuchtung, historische Kostüme und Architekturen sowie ein generell hohes handwerkliches Niveau. Die Signaturen sind fast immer gut lesbar – die Künstler des Historismus waren stolz auf ihre Urheberschaft.
Beim Kauf gelten folgende Grundregeln: Prüfen Sie die Provenienz. Seriöse Anbieter können die Herkunftsgeschichte eines Werkes lückenlos oder zumindest weitgehend dokumentieren. Lassen Sie den Zustand von einem unabhängigen Restaurator beurteilen – nicht vom Verkäufer. Und kaufen Sie nur, was Sie auch an Ihre Wand hängen würden. Die Investmentperspektive ist ein Bonus, kein Hauptgrund. In unserer Erfahrung sind es die Sammler, die aus Leidenschaft kaufen, die langfristig die besten Renditen erzielen – weil sie intuitiv auf Qualität achten.
Die Pflege historistischer Ölgemälde erfordert einige grundlegende Maßnahmen. Direkte Sonneneinstrahlung ist der größte Feind – UV-Strahlung bleicht Pigmente aus und trocknet die Firnisschicht. Temperaturschwankungen von mehr als 5 °C pro Tag können zu Rissbildung führen. Luftfeuchtigkeit sollte zwischen 45 % und 55 % liegen. Reinigung nur mit einem weichen, trockenen Tuch – niemals mit Wasser oder Reinigungsmitteln. Bei sichtbaren Schäden sofort einen qualifizierten Restaurator konsultieren; Eigenversuche richten fast immer mehr Schaden an, als sie beheben.
Ein letztes Insiderwissen: Die besten Gelegenheiten für historistische Kunst finden Sie derzeit nicht bei den großen Auktionshäusern, sondern bei regionalen Versteigerern in Österreich, Süddeutschland und der Schweiz. Häuser wie Dorotheum Wien, Neumeister München oder Schuler Zürich bieten regelmäßig hochwertige historistische Werke an, die bei internationalen Häusern durch das Raster fallen – oft zu Preisen, die deutlich unter der Schätzung liegen, weil die internationale Konkurrenz fehlt. Das ist eine Marktineffizienz, die informierte Sammler aktiv nutzen können.
Häufig gestellte Fragen zum Historismus in der Kunst
Was versteht man unter Historismus in der Kunst?
Historismus in der Kunst bezeichnet eine Strömung des 19. Jahrhunderts (ca. 1840–1900), bei der Künstler bewusst auf Stilformen vergangener Epochen zurückgriffen. Dazu zählen Neugotik, Neorenaissance, Neobarock und Neorokoko. Es handelt sich dabei nicht um bloße Kopie, sondern um eine kreative Neuinterpretation historischer Ästhetik, die sich in Malerei, Skulptur, Architektur und Kunstgewerbe gleichermaßen manifestierte. Die Künstler kombinierten oft Elemente verschiedener Epochen und schufen so eigenständige Werke von hoher technischer Qualität.
Welche Künstler sind typisch für den Historismus?
Zu den bekanntesten Vertretern gehören Hans Makart (Wien), Franz von Lenbach (München), Karl von Piloty (München), Hans Canon (Wien) und Friedrich von Amerling (Wien). In der Architektur prägten Theophil Hansen, Gottfried Semper und Paul Wallot die Epoche. Viele dieser Künstler waren zu Lebzeiten die berühmtesten und bestbezahlten ihrer Zeit, gerieten aber im 20. Jahrhundert durch die Dominanz der Avantgarde vorübergehend in Vergessenheit.
Ist Historismus Kunst wertvoll?
Der Wert historistischer Kunst variiert stark je nach Künstler, Zustand, Provenienz und Format. Generell gilt der Historismus derzeit als unterbewertet: Hochwertige Werke sind im Vergleich zu Impressionismus oder Jugendstil oft zu einem Bruchteil des Preises zu haben. Experten sehen ein Wertsteigerungspotenzial von 15–25 % in den nächsten fünf Jahren. Besonders gefragt sind technisch exzellente Werke in handlichen Formaten mit klarer Zuschreibung und dokumentierter Herkunft.
Wie unterscheidet sich Historismus von Jugendstil?
Der Historismus orientiert sich an konkreten historischen Stilepochen und bildet deren Formensprache nach oder interpretiert sie neu. Der Jugendstil (ab ca. 1890) wollte dagegen bewusst einen völlig neuen Stil schaffen – inspiriert von organischen Formen der Natur. In der Praxis war der Übergang jedoch fließend: Viele Jugendstilkünstler wie Gustav Klimt begannen als Historisten. Der Jugendstil lässt sich als direkte Reaktion auf und Weiterentwicklung des Historismus verstehen.
Fazit: Der Historismus verdient mehr als nur einen flüchtigen Blick
Der Historismus in der Kunst ist weit mehr als ein rückwärtsgewandtes Phänomen des 19. Jahrhunderts. Er war eine hochreflektierte künstlerische Strategie, die auf die Verunsicherungen einer Umbruchzeit reagierte – mit handwerklicher Brillanz, ästhetischem Anspruch und einer erstaunlichen Vielfalt. Dass diese Epoche lange unterschätzt wurde, hat weniger mit ihrer tatsächlichen Qualität als mit den ideologischen Bedürfnissen der Moderne zu tun. Die aktuelle Neubewertung in Museen, in der Forschung und auf dem Kunstmarkt zeigt, dass ein Umdenken stattfindet. Für Sammler bietet sich damit eine seltene Gelegenheit: hochwertige Kunst zu noch moderaten Preisen, mit solidem Wertsteigerungspotenzial und – das ist vielleicht das Wichtigste – mit einem ästhetischen Reiz, der im täglichen Leben echte Freude bereitet.
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Quellenverzeichnis
1. Art Basel & UBS, The Art Market 2024 – Global Art Market Report, Art Basel, 2024. Abgerufen am 15. Juni 2025 unter artbasel.com.
2. Kunsthistorisches Museum Wien, Sammlungsbestand und Epochenübersicht: Historismus, KHM Wien, 2023. Abgerufen am 15. Juni 2025 unter khm.at.
3. Lenbachhaus München, Franz von Lenbach und die Münchner Malerei des 19. Jahrhunderts, Städtische Galerie im Lenbachhaus, 2024. Abgerufen am 15. Juni 2025 unter lenbachhaus.de.
4. Monopol Magazin, Ausstellungstrends im deutschsprachigen Raum 2010–2023, Monopol Verlag, 2023. Abgerufen am 15. Juni 2025 unter monopol-magazin.de.
5. Artprice.com / Artnet, 19th Century European Art – Market Analysis 2023, Artprice S.A., 2023. Abgerufen am 15. Juni 2025 unter artprice.com und artnet.com.
Häufig gestellte Fragen zu Historismus kunst
Was ist Historismus Kunst eigentlich genau?
Historismus Kunst ist eine Kunstströmung des 19. Jahrhunderts (ca. 1840–1900), bei der Künstler und Architekten bewusst auf alte Stilepochen wie Gotik, Renaissance oder Barock zurückgriffen. Das Besondere daran: Sie haben diese Stile nicht einfach kopiert, sondern neu interpretiert und oft miteinander kombiniert. Es war sozusagen eine kreative Antwort auf den rasanten gesellschaftlichen Wandel der damaligen Zeit.
Warum wurde Historismus Kunst so lange als minderwertig angesehen?
Viele Kritiker sahen im Historismus nur einen fantasielosen Rückgriff auf Vergangenes, ohne eigene künstlerische Aussage – das Image der bloßen „Kopie" hat sich hartnäckig gehalten. Dabei übersahen sie, dass die bewusste Auswahl und Neuinterpretation historischer Ästhetik durchaus eine eigenständige künstlerische Leistung war. Heute wird das in der Kunstwelt zunehmend differenzierter bewertet.
Wo kann man Historismus Kunst heute noch gut sehen?
Die eindrucksvollsten Beispiele findet man direkt in den Städten – die Wiener Ringstraße und das Berliner Reichstagsgebäude sind wohl die bekanntesten Zeugnisse dieser Epoche. Aber auch in vielen Museen, Schlössern und Antiquitätengeschäften begegnet man historistischen Gemälden, Möbeln und Skulpturen. Mehr als 60 % der repräsentativen Großbauten im deutschsprachigen Raum stammen aus dieser Zeit.
Ist Historismus Kunst auf dem Kunstmarkt gerade eine gute Investition?
Laut Experten gelten historistische Gemälde derzeit als unterbewertet, was auf signifikantes Wachstumspotenzial hindeutet. Wer also mit Bedacht kauft und die Qualität eines Werkes richtig einschätzen kann, könnte hier tatsächlich einen guten Deal machen. Wichtig ist dabei, echte Werke von späteren Reproduktionen zu unterscheiden – am besten mit fachkundiger Beratung.
Welche Stilepochen wurden im Historismus am häufigsten aufgegriffen?
Im Historismus waren vor allem die Neugotik, die Neorenaissance und der Neobarock besonders beliebt, je nachdem welche Aussage oder Wirkung ein Werk erzielen sollte. Kirchenbauten orientierten sich oft an der Gotik, während Rathäuser und Prachtbauten gerne Renaissance-Elemente zeigten. Diese bewusste Stilwahl war kein Zufall, sondern hatte immer eine symbolische Bedeutung.